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Das neue Ölzeitalter bricht an

Die Konzerne arbeiten am klimafreund­lichen Image. Die Anleger wollen es anders.

(Bild: Shutterstock)

Die Konzerne arbeiten am klimafreund­lichen Image. Die Anleger wollen es anders.   

Waren es die unumgänglichen Fakten, die eine leise Umkehr einleiteten? Oder nur die Gier nach dem schnellen Geld? Tatsache ist, dass weltweit tätige Konzerne wie BP, Shell, Chevron und ihre Mitbewerber vom Öl nicht lassen können. Oder es vielleicht auch nie wirklich gewollt haben. Auslöser der Zweifel ist eine Personalie. Der schnelle und undurchsichtige Abschied des Chefs von BP überraschte sämtliche Beobachter. Angeblich lag der Grund in nicht transparent gemachten Beziehungen von Bernard Looney zu BP-Mitarbeitern. Analysten vermuten jedoch, dass es im Hintergrund Streit um die Ausrichtung des Unternehmens gegeben habe.
 
Looney war vor drei Jahren angetreten, die ehemalige British Petroleum, die im Laufe der Jahrzehnte gewichtige Konkurrenten der Ölbranche übernommen hatte, vom Benzin zur Sonne zu führen. Und er verfolgte die Strategie mit eiserner Entschlossenheit. Schon kurz nach seinem Antritt gab es aber erste anonyme Vorhaltungen, er habe es mit der Firmenkultur in Sachen Transparenz nicht so genau genommen. Das hatte zunächst keine Konsequenzen – bis jetzt. Genaueres weiß man nicht, und das fördert natürlich die Annahme, dass es hier um mehr geht als nebulöse Beziehungen zu Kollegen.
 
Sicher ist, dass vor allem die Beziehungen zu den Aktionären zuletzt problematischer waren – unter ihnen umweltbewusste Großinvestoren genauso wie alte Öl-Haudegen von der Wall Street. Es beiden Fraktionen gleichermaßen recht zu machen, ist schwierig. Der Gewinnrückgang im zweiten Quartal um 70 Prozent dürfte da nicht einmal so dramatisch gewesen sein, es litt nicht einmal der Aktienkurs nennenswert – das Business ist nun einmal zyklisch. Allerdings hatte auch BP den neuen Goldrausch bei Öl und Gas nicht vorhersehen können und investiert nun – wie die Wettbewerber von Chevron bis Shell auch – Milliarden in neue Ölvorkommen. Alle fünf Großen sind mit 47 Milliarden Dollar dabei, eine rasante Steigerung gegenüber den seit etwa 2014 eher vernachlässigten traditionellen Ertragsquellen.
 
Denn Mineralöl könnte sogar noch deutlich teurer werden, wenn die Weltkonjunktur sich mittelfristig erholt und vor allem China als größter Nachfrager wieder mehr braucht. Die Aufholjagd bei den Schwellenländern wird durch die sogenannten erneuerbaren Energien nicht allein am Laufen gehalten. Experten internationaler Organisationen wie etwa der Weltbank halten gar eine Ölknappheit für denkbar, denn bis die neuen Felder erschlossen sind und die Zurückhaltung der vergangenen Jahre ausgeglichen ist, vergeht einige Zeit. Auch die Raffineriekapazitäten müssen Schritt halten.
 
Der Energieexperte und Rechtsanwalt Thomas Mock, der mehrere Naturschutzverbände vertritt, hält ein Comeback des Öls für unvermeidlich. Schließlich seien die weltweiten Interessen keineswegs deckungsgleich mit den deutschen Vorstellungen, und eine wachsende Weltbevölkerung vor allem in Asien und Afrika habe andere Prioritäten als Westeuropa. Gute Aussichten für den größten Konzern der Branche, Saudi Aramco. Der hat laufend investiert und beherrscht von der Förderung über Verarbeitung bis zum Transport sämtliche Veredelungsschritte. Maßgeblich wird aber auch hier sein, ob Saudi-Arabien bereit ist, notfalls seine Förderung zu erhöhen – selbst wenn die Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) anderes beschließen sollte.
Eine Abkehr von CO2-armen Energien bedeutet der neue Ölboom nicht. In Deutschland will BP bis 2030 zehn Milliarden Euro in Offshore-Wind, Wasserstoff und Biokraftstoffe investieren. Die deutsche BP-Tochter Aral kündigte an, die Zahl ihrer Ultra-Schnellladepunkte bis 2030 verzehnfachen zu wollen. BP-Deutschland-Chef Patrick Wendeler mahnte allerdings schnellere und einfachere Genehmigungs- und Anschlussverfahren an. Zahlreiche Anschlusspunkte seien bereit – nur die Genehmigung oder das Netz ließen auf sich warten. Manchmal bis zu zwei Jahre lang.
 
BP Deutschland soll zu einem integrierten Energieunternehmen werden, was einen Zuwachs aufseiten der erneuerbaren Energien bedeutet. Im Mittelpunkt blieben aber Raffinerieprodukte. Klar ist für BP, dass auch nach 2030 fossile Kraftstoffe benötigt werden. Kritiker beklagen allerdings seit längerem, dass die selbst erklärten Klimaziele aller großen Konzerne weit von den Möglichkeiten und auch dem Wünschenswerten entfernt sind. Für Chevron, Shell und Mitstreiter gelte da wohl der Satz „Follow the money“. Mit der neuen Ölsuche verschlechtere sich das Verhältnis von Geld für Erneuerbare und Geld fürs Fossile weiter.
 
Der Ex-BP-Chef Looney hatte zu Jahresbeginn die Zwangslage klar definiert: Für ihn müssten die Energien sicher, bezahlbar und klimafreundlich sein. Wenn alles zusammen zu haben ist, darf man schlussfolgern – schön. Aber die Wahrscheinlichkeit dürfte hoch sein, dass man nicht alle Eigenschaften dieses schwierigen Dreiecks auf einmal bekommt. Es würde bedeuten, dass klimafreundliche Energie stets auch sicher und preiswert sein würde, was nur bei wenigen Energiearten, und dann auch erst in einer denkbaren Zukunft, realistisch sein wird, entgegen deutschen Idealen vom sauberen, billigen und stets verfügbaren Solar- und Windstrom. Rechnet man Kernenergie zu den klimafreundlichen Arten hinzu, käme man der Sache wohl näher. Die Atomkraft bleibt aber nicht nur in Deutschland mindestens umstritten.
 
Die Speicherung von CO2, in Deutschland allmählich ins Feld des Denkbaren rückend, würde natürlich im großen Maßstab auch völlig „schmutzige“ Energieerzeugung ermöglichen, so wie hierzulande derzeit eine Fülle an Kohlekraftwerken noch oder wieder arbeiten – bislang natürlich ohne Abscheidung von CO2. Die Technologie der Abscheidung und Speicherung (CCS) hängt bislang im Forschungsstadium. Angesichts starker Kritik an der Idee, Kohlendioxid aufzubereiten und unterirdisch zu lagern, wagt kaum ein Konzern wirklich entschiedene Investitionen. Inzwischen deutet sich ein Umdenken an, denn international liegen die CCS-Technologien im Fokus. Die Möglichkeiten, das Gas nicht nur abzutrennen, sondern möglichst auch zu nutzen, sind zu verlockend.
 
Derweil hat BP, das sich seit langem als Vorreiter grüner Energien sieht, die langfristigen Ziele in Sachen CO2-Verringerung angepasst. Noch unter der Ägide von Looney senkte man die geplanten Einsparungen beim Treibhausgasausstoß von 35 bis 40 Prozent bis 2030 auf nur noch 20 bis 30 Prozent. Andere Konzerne dürften bestenfalls ähnlich planen. Ob die Verringerung der Verringerung nun auf mangelnden Ehrgeiz, reines Gewinnstreben oder aber auf realistische Einschätzung der Möglichkeiten hindeutet, wird sich an der Geschäftspolitik wohl demnächst ablesen lassen.

Reinhard Schlieker

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